US-WahlkampfBiden und Obama greifen Trump bei gemeinsamen Video-Auftritt an

Der damalige US-PrĂ€sident Barack Obama und sein Vize Joe Biden im Januar 2017 bei einer Rede im WeiĂen Haus. Wenig spĂ€ter wurde Donald Trump US-PrĂ€sident.
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- Erstmals im US-Wahlkampf treten Ex-PrĂ€sident Barack Obama und PrĂ€sidentschaftskandidat Joe Biden gemeinsam auf â bei einem gepflegten GesprĂ€ch im Internet.
- Wegen der Corona-Pandemie kann Biden keine groĂen Kundgebungen abhalten. Doch das ist kein Nachteil.
- Barack Obama stellt vor allem âHerz und Charakterâ des Trump-Herausforderers heraus.
Washington â Das dreisitzige Sofa in der Mitte bleibt leer. Etwa vier Meter voneinander entfernt sitzen die beiden GesprĂ€chspartner in wuchtigen Sesseln am linken und rechten Bildrand. Es gibt keine Zuschauer im Raum. Bei ihrem ersten direkten Zusammentreffen in diesem Wahlkampf halten der demokratische PrĂ€sidentschaftskandidat Joe Biden und Ex-PrĂ€sident Barack Obama trotz groĂer persönlicher NĂ€he wegen der Pandemie klaren physischen Abstand. Vor allem aber demonstrieren sie maximale Distanz zum Amtsinhaber.
âKannst Du Dir vorstellen, als PrĂ€sident zu sagen: Das ist nicht meine Verantwortung?â, fragt Biden sein GegenĂŒber mit Bezug auf eine entsprechende Aussage von Donald Trump zur dramatischen Entwicklung der Corona-Krise. Obama verneint die rhetorische Frage seines einstigen Stellvertreters: âSo etwas haben wir nicht gesagt, als wir im Amt waren.â Es geht nicht um spektakulĂ€re Botschaften in dem 15-minĂŒtigen Video, das am Donnerstag ins Netz gestellt wurde. Es geht um den Kontrast zur RealitĂ€t im WeiĂen Haus.
Biden und Obama: Spannungsaufbau mit Teasern
Wie eine neue Netflix-Serie haben Obama und Biden den Film in den 24 Stunden zuvor auf Twitter angekĂŒndigt. âEs gibt nichts Besseres, als mit meinem Freund Joe zu einem GesprĂ€ch zusammenzusitzenâ, hat der Ex-PrĂ€sident erklĂ€rt. Man sah die beiden Politiker, wie sie mit Masken aus ihren schwarzen Limousinen steigen und in getrennten AufzĂŒgen zu dem eher sterilen, holzvertĂ€felten Besprechungsraum hochfahren, in dem sie nun sitzen. Biden hat mehrere AuszĂŒge der Unterhaltung als Teaser veröffentlicht.
Viel mehr bietet die Langfassung des GesprĂ€chs dann auch nicht. Es geht erkennbar nicht darum, irgendwelche âBreaking Newsâ zu erzeugen. Die eigentliche Botschaft lautet: Der 77-jĂ€hrige Biden, der als junger Mann seine Frau und seine Tochter durch einen Verkehrsunfall verlor und spĂ€ter den Krebstod seines Lieblingssohns durchleiden musste, ist ein Mensch mit Anstand und GefĂŒhlen, der das von Wut und Hass zerrissene Land wieder versöhnen will. Von Anfang an habe Trump daran gearbeitet, die Gesellschaft zu spalten, sagt Biden: âIch möchte nicht, dass mein Kind so aufwĂ€chst.â
Obama und Biden erinnern sich an gemeinsame Zeiten
Reichlich Nostalgie weht durch den Spot, wenn sich Obama und Biden an gemeinsame Regierungszeiten erinnern. Die Frage, weshalb es nach ihrem Abgang zu einem solchen Umschwung des Landes kam, wird nicht gestellt. Mal versichert der Ex-PrĂ€sident, der sich aus dem Wahlkampf lange herausgehalten hat, den Kandidaten seiner vollen UnterstĂŒtzung und lobt dessen âHerz und Charakterâ. Mal kann der JĂŒngere beim Rassismus-Thema der Versuchung nicht widerstehen, einen klugen Vortrag zu halten, der den Ălteren in die Rolle des Zuhörers drĂ€ngt. Inhaltlich wird es eigentlich nur bei der von Obama eingefĂŒhrten Krankenversicherung, die Biden verteidigen und ausbauen will. Ansonsten geht es vor allem um Erfahrung, Empathie und EinigungsfĂ€higkeit des Kandidaten.
Ein Auftritt ohne Risiken
Das vom eigenen Team produzierte und gestreamte GesprĂ€ch ist eigentlich eine Notlösung, weil die Demokraten in Zeiten der Corona-Pandemie keine Kundgebungen drauĂen im Land abhalten können. Aber das Format kommt Biden grundsĂ€tzlich sehr zupass. GroĂe Reden sind nicht sein Ding. Der 77-JĂ€hrige gewinnt im persönlichen Umgang durch seine FĂ€higkeit zum Zuhören und zur Anteilnahme.
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Dank der Aufzeichnung sind auch keine Versprecher zu befĂŒrchten, die Biden sonst öfter unterlaufen. Und anders als Trump muss sich der Herausforderer keinen kritischen Fragen von Journalisten stellen. Stattdessen kann er von der enormen PopularitĂ€t Obamas profitieren, der sich inzwischen immer stĂ€rker in den Wahlkampf einbringt.
Bislang scheint die Strategie aufzugehen. Im Durchschnitt der Umfragen liegt Biden derzeit knapp neun Punkte vor Trump. Doch echte Begeisterung fĂŒr den Kandidaten ist im Land nicht zu spĂŒren. âIch vertraue auf das amerikanische Volkâ, sagt er am Ende seines kultivierten GesprĂ€chs mit Obama. Das hebt sich wohltuend von den ich-fixierten Tiraden des Amtsinhabers ab. Ein bisschen mehr Dynamik in den kommenden Wochen dĂŒrfte dem Herausforderer trotzdem kaum schaden. (rnd)



